Die Geschichte der Stadtkapelle – Ein Blick auf 150 Jahre Musik in Lahr

Die Anfänge der Stadtkapelle – Zivilmusik in Lahr 1857 bis zum Ersten Weltkrieg

Glücksfall Friedrich Himmel: Der Beginn der zivilen Blechmusik in Lahr

In Lahr war die Stadtmusik im 19. Jahrhundert zunächst durch militärische Truppen geprägt. Dazu zählten die Bürgermiliz und das Dragoner-Eskadron, ein Kavallerieverband der Großherzoglich-Badischen Armee. Die Auflösung der Militärkorps bedeutete auch das Ende ihrer Kapellen. Diese Situation änderte sich im Jahr 1857, als der Musiklehrer Friedrich Himmel nach Lahr zog und dort die „Blech-Harmonie“ gründete. Er legte damit den Grundstein für eine zivile Lahrer Stadtmusik.

Die Gründung eines Musikvereins

Die von Friedrich Himmel geleitete Kapelle bestand zunächst überwiegend aus Mitgliedern des Gesangvereins „Liederkranz“. Nach Himmels Wegzug übernahm Wilhelm Finkbeiner, ein Mitglied der Kapelle, vorübergehend die Proben. Vermehrte Anfragen nach musikalischen Auftritten führten bald die Notwendigkeit einer organisatorischen und finanziellen Struktur vor Augen. So kam es zur Gründung des Lahrer Musikvereins am 12. September 1871 im Rappensaal, an dessen Stelle sich heute das Forum-Kino befindet. Als Führungsmannschaft wählte man einen Verwaltungsrat mit Eduard Metzger an der Spitze. Für die musikalische Leitung der Kapelle konnte der aus Ottenheim stammende und aus dem Feldzug 1870-71 zurückgekehrte Militärmusiker Karl Berni gewonnen werden.

Musikalischer Fortschritt und erste Nachwuchsarbeit

Berni kombinierte hohe musikalische Begabung mit der Fähigkeit, auf Menschen aller Bevölkerungsschichten zugehen zu können, was ihm hohe Sympathiewerte einbrachte. Er führte die Kapelle bis zu seinem Tod im Jahre 1904. In seiner Amtszeit erreichte er nicht nur ein hohes musikalisches Niveau, sondern er sorgte sich auch um den Nachwuchs, indem er Ende der 1880er-Jahre eine Knabenkapelle gründete.

Die Kapelle in Zeiten des aufkommenden Militarismus

Bernis Nachfolger Franz Meier hielt das musikalische Niveau der Kapelle. Als Lahr im Jahr 1898 Garnisonsstadt wurde, hatte er sich jedoch der Konkurrenz zwei neuer Kapellen zu erwehren: das Regiment 169 und, vier Jahre später, das Regiment 66 zogen in die Kasernen im heutigen Industrie- und Neuwerkhof und brachten ihre Militärkapellen mit. Konnten Meier und seine Musiker sich in dieser Phase als Kapelle noch behaupten, änderte der Beginn des Ersten Weltkriegs alles: Der Großteil der Musiker wurde eingezogen und die Spielfähigkeit der Kapelle stark eingeschränkt bis 1916 gar die Proben eingestellt werden mussten. Die Kriegstoten rissen schwere Lücken in die Musikerreihen.

Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg: Vom Musikverein zur „Stadtkapelle“

Erst ab 1919, als Richard Hüttenrauch den Dirigentenstab übernahm, ging es mit der Kapelle wieder bergauf. Der neue Dirigent veranstaltete Symphoniekonzerte und ließ die Knabenkapelle neu erklingen. In der Inflation geriet Hüttenrauch jedoch persönlich in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Verein war nicht in der Lage, ihm finanziell unter die Arme zu greifen, sodass er gezwungen war, nach Mittelamerika auszuwandern. 1925 übernahm Richard Kleber die musikalische Leitung. Unter ihm erzielte die Kapelle auf Musikwettbewerben in der Umgebung den ersten Platz, was auch über Lahrs Grenzen hinaus große Beachtung fand. Davon angetan verlieh die Stadtverwaltung dem Musikverein ehrenhalber den Titel „Stadtkapelle“, der aber formal ein Verein blieb.

Die Stadtkapelle wird gleichgeschaltet

Die politischen Entwicklungen in den 30er Jahren hinterließen auch in Lahr und bei der Stadtkapelle tiefgreifende Spuren. Wie das gesamte Vereinswesen in Deutschland wurde die Stadtkapelle in die einheitliche NS-Organisation mit einem NSDAP-Mitglied an der Vereinsspitze integriert, das die weiteren Vorstandsmitglieder bestimmte. Der gesamte Vorstand des Lahrer Musikvereins trat im Zuge der Gleichschaltung im November 1933 zurück, August Eckermann übernahm kommissarisch die Leitung. In der Generalversammlung im Februar 1934 im Saal des Hotels „Sonne“ ernannte Eckermann den NS-Kreisbetriebszellenleiter Fritz Huber zum Vereinsführer. Zu engeren Mitarbeitern verpflichtete Huber unter den Klängen von „Wir treten zum Beten“ dreizehn weitere Vereinsmitglieder1. Ein dreifaches „Sieg Heil“ beschloss die Versammlung.

1 Als stellvertretenden Vereinsführer Willi Pickawé, August Eckermann als Schriftwart, Wilhelm Danzeisen als Kassenwart, Emil Markau als Vergnügungswart, Max Hess als zweiten Schriftführer, Beisitzer: Wilhelm Pretzsch, Egon Schad, Karl Wiegert, Vertreter der Aktiven: Albrecht, Bauer, Lang, Karl Müller und Emil Zehnle.

SS- Standartenkapelle mit Propagandafunktion

Mit hartem Zugriff sorgte die nationalsozialistische Führung reichsweit dafür, dass sich Musikvereine systemkonform verhielten und im Dienst der „Neuen Bewegung“ agierten. So wurde auch ein Teil der Stadtkapelle gleich nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zu einem Musikzug einer SS-Standarte umfunktioniert. Zu Propagandazwecken mussten die Musiker an den Wochenenden, aber auch werktags, gemeinsam mit anderen NS-Formationen wie beispielsweise der SA, der „Hitlerjugend“ und dem „Bund Deutscher Mädel“ in Uniform auftreten. Neben vielen anderen Verpflichtungen nahm diese Standartenkapelle 1933 und 1934 an den Reichsparteitagen in Nürnberg teil. Die NS-Termine bildeten in dieser Zeit den Schwerpunkt der musikalischen Auftritte, obgleich die Kapelle als Ganzes weiter Konzerte im Stadtpark gab oder bei gesellschaftlichen Veranstaltungen wie einem Deutschen Abend, bei Tanzabenden, einer Kinderweihnachtsfeier oder einer Gala des Winterhilfswerks auftrat.

Absage mit Folgen

Einmal wurde den Lahrer Musikern der dauernde Einsatz zu viel. Als der Musikzug zu einer „Führertagung“ in Wolfach befohlen wurde, sagte man unter anderem wegen fehlender Mittel für den Instrumententransport ab. Diese Befehlsverweigerung sollte nicht ohne Folgen bleiben. Vereinsführer Fritz Huber und SS-Obersturmbannführer Hans Radlbeck sollen das Schlimmste verhindert haben. Es ist jedoch zu vermuten, dass der Weggang Richard Klebers im Jahr 1934 mit dem geschilderten Vorfall in Zusammenhang stand. Der damalige Klarinettist und spätere Dirigent der Stadtkapelle, Karl Müller, erinnerte sich in seinen persönlichen Aufzeichnungen über die Geschichte der Stadtkapelle daran, dass man an einem Probeabend Besuch von der Reichskulturkammer aus Stuttgart bekam und jeder Musiker über sein Verhältnis zu Kleber befragt wurde.

Musikalische Highlights unter Paul Wäldchen

Der Geigenvirtuose Paul Wäldchen, der im Staatsorchester Stuttgart und als Klarinettist in einer Stuttgarter Regimentskapelle gespielt hatte und sämtliche Blasinstrumente beherrschte, wurde 1934 neuer Dirigent der Stadtkapelle. Wie Karl Müller in seinen Aufzeichnungen festhielt, waren Wäldchen die von der SS erzwungenen Auftritte eher lästig. Die Stadtkapelle wurde unter seinem Dirigentenstab zu einem Symphonieorchester mit 40 Musikerinnen und Musikern mit neuer musikalischer Bandbreite: von Schubert, über Beethoven bis hin zu Tschaikowsky, die Stadtkapelle zeigte unter Wäldchen bei ihren Frühlingskonzerten oder den Festtagen der Volksmusik im Juni 1938 in Lahr großes musikalisches Können.

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mussten über die Hälfte der Musiker, darunter auch Wäldchen, zum Wehrdienst antreten. Die Spielfähigkeit der Kapelle konnte deshalb bis Kriegsende nicht mehr hergestellt werden. Wäldchen leitete bis 1942 die Bataillonsmusik einer Pioniereinheit, bei der auch fünf Männer der Lahrer der Stadtkapelle mitspielten. In desaströser Lage am Ende des Krieges – sechs Musiker waren gefallen, zwei wurden vermisst – begann Wäldchen, mit den verbliebenen Musikfreunden die Stadtkapelle neu aufzubauen. Die vielen Auftritte der Stadtkapelle als SS-Standartenkapelle von 1933 bis in den Krieg hinein wirkten sich bei der Entnazifizierung negativ aus. Einige Musiker kehrten erst nach und nach aus der Kriegsgefangenschaft zurück und Nachwuchs musste gesucht und ausgebildet werden, um die Lücken zu schließen. Zudem verbot die französische Militärregierung öffentliche Auftritte, geprobt werden konnte erst wieder ab 1946/1947.

Neuaufbau in der Nachkriegszeit – Paul Wäldchens Vermächtnis

Im Juni 1948 zum Pfingstfest durfte die Stadtkapelle ihr erstes Platzkonzert auf dem Sonnenplatz geben. Es ist bewundernswert, wie schnell der organisatorische und musikalische Aufbau von Verein und Kapelle in den folgenden Jahren erfolgte. Bei der Feier zum 80-jährigen Bestehen des Musikvereins im Jahr 1951, die wie ein Befreiungsschlag wirkte, stand bereits wieder eine Kapelle zur Verfügung, die den Leistungsstand eines symphonischen Blasorchesters erreicht hatte. Wäldchen schuf ein neues Orchester – und komponierte eigens dafür neue Orchesterliteratur: Die Ouvertüre „Walpurgisnacht“ und die sinfonische Dichtung „Die Ravennaschlucht“ sind noch heute im Bestand der Stadtkapelle. Mit „Stalingrad“, einer fünfsätzigen dramatischen Legende, erinnerte Wäldchen an das schreckliche Geschehen in Russland. Darüber hinaus veranstaltete Wäldchen sommertags jeden Donnerstag im Stadtpark „Wunschkonzerte“ für die Lahrer Bevölkerung. Es ist die Zeit der ersten Lichterfeste der Stadtkapelle (1952-1959), zu denen bereits bis zu 3500 Besucher aus Lahr und Umgebung anreisten, um der Stadtkapelle und ihrem Tanzorchester Toska zu lauschen oder die aufwendig hergerichteten Becherlichter sowie ein Feuerwerk zu bewundern. Einen schweren Rückschlag erlitt der Verein daher am 13. August 1954 mit dem plötzlichen Tod von Wäldchen. Seine großartigen Leistungen als Dirigent, Organisator, Musiklehrer und bekannter Komponist blieben unvergessen.

Mangelnde Nachwuchsarbeit und ihre Folgen

Bis zur Wahl des neuen Dirigenten, Obermusikmeister Arno Kuch, im Jahr 1955, übernahm Vizedirigent Willi Pickawé den Taktstock. Kuch als Militärmusiker zeigte musikalisches Können, aber wenig Geschick bei der Jugendarbeit, was zu einem schweren Nachwuchsmangel führte: Alle 30 Zöglinge verließen den Verein und auch eine zunächst erfolgreiche Werbeaktion konnte den Rückgang nicht stoppen. Die Hoffnung Kuchs auf den Zuzug fertig ausgebildeter Musiker erfüllte sich nicht, stattdessen zeichnete sich ein stetiger Mitgliederschwund ab. 1968 befand sich der Musikverein schließlich auf dem Höhepunkt einer Existenzkrise. Der Dirigent war entlassen worden und Vereinsvorsitzender Edwin Eifler hatte seinen Rücktritt erklärt. Der stellvertretende Dirigent Alfred Steiert diagnostizierte in der außerordentlichen Mitgliederversammlung im Juli 1968 eine Kluft zwischen Vorstand und Kapelle. Es reifte die Idee, den Musikverein aufzulösen und einen Neuanfang ausschließlich über die Stadt zu organisieren. In einer zweiten Mitgliederversammlung am 14. September 1968, zu der mit 30 Personen nur 15 Prozent der rund 200 Vereinsmitglieder1 erschienen waren, stimmte zwar die Mehrheit (17 Pers.) für die Auflösung – da die satzungsmäßige erforderliche Mehrheit von 75 Prozent (23 Stimmen) der in der Versammlung vertretenen Mitglieder aber nicht erreicht wurde, blieb der Verein bestehen.

100- jähriges Jubiläum unter schwierigen Voraussetzungen

War man im September aus der Versammlung gegangen mit dem Ziel, die Stadtkapelle „von Grund auf mit jungen Kräften“ neu aufzubauen und bis zum 100-jährigen Jubiläum spielfähig zu machen (LZ 16.9.68), erwiesen sich die nächsten Jahre als schwere Zeit für die Stadtkapelle, die einer ungewissen Zukunft entgegensah. Im Oktober 1968 wurde ein neuer Vorstand gewählt, den Ende 68/Anfang 69 drei Mitglieder wieder verließen. Zwei aufeinanderfolgende Vorsitzende (Albert Zehnle, ab Juli 1970 Ewald Körner) und drei vorübergehend agierende Dirigenten (Alfred Steiert, Adolf Kremser, Udo Reinhard und wieder Steiert) mühten sich um eine Besserung der Lage. Ein paar Nachwuchsmusiker und kleinere Auftritte oder das von Karl Berni ins Leben gerufene Stadtkapellen-Fest (der „Karlstag“), konnten jedoch nicht über die kritische Situation des Vereins hinwegtäuschen: 1970 kehrten der 1. Vorsitzende Zehnle und Dirigent Steiert mitsamt einiger Musiker dem Verein den Rücken. Die Stadtkapelle war damit spielunfähig, das Probelokal in der Luisenschule musste auf Anweisung der Stadt geräumt werden und Ewald Körner machte sich als neuer 1. Vorsitzender an den Wiederaufbau.

Ewis“ Neuanfang

Ewald („Ewi“) Körner organisierte ein neues Probelokal im ehemaligen Seniorenstift „Sancta Maria“, holte den einst entlassenen Adolf Kremser als Dirigenten zurück und kümmerte sich verstärkt um die Nachwuchsarbeit. 28 Zöglinge konnte die Kapelle bald wieder vorweisen, musste ihre Feier zum 100-jährigen Bestehen aber wegen noch nicht vorhandener Spielfähigkeit um ein Jahr verschieben: am 15.10.1972 wurde das Jubiläum im Pflugsaal gefeiert, wobei der Großteil der Musiker auf der Bühne Aushilfsmusiker (aus Gengenbach und Friesenheim) waren.

Das Team Körner und Müller

1974 war das Häuflein der Musiker auf sieben zusammengeschrumpft. Geprobt wurde zusammen mit dem Musikverein Friesenheim. Als Kremser 1974 den Verein verließ, konnte Körner den ehemaligen Klarinettisten und kurzzeitigen Ausbilder (1972-74) Karl Müller als Dirigenten gewinnen – unter der Bedingung, dass er ein spielfähiges Orchester aufbaute, um es dann einem jüngeren Dirigenten zu übergeben. Müller hatte bei Umlandmusikvereinen bereits Dirigentenerfahrung gesammelt und schaffte es gemeinsam mit Körner die Zahl der Musiker bis zur Weihnachtsfeier auf 18 zu erhöhen. 1975 fand zum ersten Mal wieder ein Muttertagskonzert im Stadtpark mit 20 Musikern auf der Bühne statt. Im Jahr 1977 schließlich macht Müller sein Bestreben wahr, ein spielfähiges Orchester einem jüngeren Dirigenten zu übergeben.

Neue Impulse aus Waldkirch / Ein frischer Wind in Lahr

Mit dem Gewinn des Musiklehrers Joachim Volk als neuen Dirigenten trat die Stadtkapelle in eine neue Ära. Volk kam 1977 aus Waldkirch, um an der Lahrer Jugendmusikschule zu unterrichten. Er brachte Erfahrungen aus einer Musikerfamilie und der dortigen Kapelle mit und erwies sich zudem als geschickter sowie erfolgreicher Musikpädagoge. Am 1. Juni 1977 trat Volk offiziell die Dirigentenstelle bei der Stadtkapelle an, auf der Weihnachtsfeier 1977 dirigierte er sein erstes Konzert, bei dem auch die Stabübergabe von Müller an ihn erfolgte. Auf der Weihnachtsfeier 1979 ernannte die Kapelle Karl Müller zu ihrem Ehrendirigenten.

Blütezeit durch Nachwuchsarbeit

Mit der Kapelle erreichte Volk in kurzer Zeit ein hohes musikalisches Niveau, und ein Zustrom von Jugendlichen setzte ein – nur wenige Jahre später war das Durchschnittsalter im Orchester unter 20 gesunken. Volk setzte auf intensive Jugendarbeit und die musikalische Ausbildung, sodass es dem rührigen Dirigenten bereits 1979 gelang, ein Jugendorchester aufzustellen, das im Juli desselben Jahres im Stadtpark Begeisterungsstürme auslöste und 1981 beim Jugendbläserwettbewerb des Ortenauer Blasmusikverbands einen ersten Rang mit Auszeichnung erlangte. Darüber hinaus verfestigte sich der Austausch und die Kooperation mit der Jugendmusikschule: die Stadtkapelle beteiligte sich fortan an den Unterrichtsgebühren ihrer jungen Musiker, die bei der Musikschule ihre Ausbildung erhielten. Neue Schüler der Stadtkapelle konnten nun neben ihrer Instrumentalausbildung im Jugendorchester Erfahrungen des Zusammenspiels sammeln und später ins Hauptorchester wechseln – ein Konzept, das – in leicht abgewandelter Form – bis heute Bestand hat.

Am 15. März 1982 konnte Ewald Körner voller Zuversicht eine neu aufgebaute Stadtkapelle in jüngere Hände übergeben: Karl-Heinz Müller übernahm den Vorsitz. Die Kapelle dankte Körner und Karl Müller für ihre Verdienste um die Erhaltung des Vereins und ernannte auf der gemeinsamen 75. Geburtstagsfeier von Körner und Müller am 5. März ihren „Ewi“ zum Ehrenvorsitzenden. Er blieb seiner Kapelle bis zum hohen Alter von 95 Jahren ein treuer Wegbegleiter.

(Auf-)Schwung im Verein

Jetzt ging es steil bergauf, auch dank der professionellen Leitung des Vereins durch den am 7. März 1986 gewählten Reiner Michel. 1987 entstand die Bläserjugend der Stadtkapelle als eigenständiger Verein. Der Bezug eines eigenen Proberaums der Stadtkapelle im Juni 1989 in der Albert-Schweitzer-Schule, dem ehemaligen Scheffelgymnasium, beendete ein jahrelanges Umherirren und trug ebenfalls zum Aufschwung bei. Die Orchester der Stadtkapelle glänzten mit Spitzenleistungen, unter anderem bei dem seit 1985 jährlich stattfindenden Frühlingskonzert in der Stadthalle. Bei der Weihnachtsfeier 1993 in der Sulzberghalle trat die Stadtkapelle erstmals mit drei Orchestern auf, ein Vororchester ergänzte seit 1993 das Konzept zur Nachwuchsförderung unter der Leitung von Margot Volk. In voller Blüte konnte der Musikverein im Jahr 1996 sein 125jähriges Bestehen feiern.

125 Jahre Stadtkapelle – ein Grund zu feiern

Zu den Feierlichkeiten und Veranstaltungen im Jubiläumsjahr gehörten eine Ausstellung in der Sparkasse, ein Jungbläserwettbewerb und ein Doppelkonzert mit der Stadtkapelle Harmonie Kehl-Sundheim. Beim Festbankett am 10. März, mit dem das große Festjahr eröffnet wurde, wurde Joachim Volk für seine Verdienste zum Musikdirektor ernannt. Der gesellige Höhepunkt stellte unbestritten das große Jubiläumsfest vom 31. Mai bis 3. Juni auf dem Parkplatz Klostermatte dar, welches gemeinsam mit dem TV Lahr, der in diesem Jahr sein 150-jähriges Bestehen feierte, veranstaltet wurde. Einen gelungenen Abschluss bildeten das Kirchenkonzert am 10. November mit dem Chor der Kolpingfamilie St. Johannes aus Bad Homburg und die traditionelle Weihnachtsfeier am 15. Dezember.

(Internationaler) Musikaustausch

Dem Jubiläum folgten weitere musikalisch erfolgreiche und erlebnisreiche Jahre. Im März 1999 nahm die Stadtkapelle erstmalig am internationalen Blasmusikwettbewerb Flicorno D’oro in Riva del Garda teil – eine unvergessliche Reise für die Musiker*innen aus Lahr, die mit dem 5. Platz in der zweithöchsten Schwierigkeitskategorie zu Recht stolz in die Heimat zurückfuhren. Die Kombination von Wettbewerbsfeeling und italienischem Flair hatte es ihnen dabei sichtlich angetan, denn bereits 2001 fuhren sie wieder nach Riva, um sich in der höchsten Schwierigkeitsstufe zu präsentieren. Aber noch eine weitere Reise prägte das Jahr 2001: Eine kleine Abordnung der Stadtkapelle – die „Schutterlindenberg-Musikanten“ – vertrat Deutschland beim internationalen Volksmusikfestival in China. Noch heute berichten die Teilnehmenden von einer einmaligen Reise, deren vorheriger Organisationsaufwand im Zuge von 9/11 sich für sie allemal ausgezahlt hat.

Spielend zum Erfolg“ – das Ausbildungskonzept

Das Orchester fühlte sich auf seinem musikalischen Weg bestätigt und Musikdirektor Joachim Volk konnte 2002 bei seinem 25-jährigen Dirigentenjubiläum auf eine beeindruckende musikalische Tätigkeit und Leistung zurückblicken. Von anfänglich rund 20 Musikern hatte die Stadtkapelle sich unter seinem Dirigentenstab zu 120 Mitgliedern in drei verschiedenen Altersgruppen entwickelt. Neben dem Hauptorchester hatte die Jugendkapelle ein beachtliches Niveau erreicht und auch die Zahl der in Ausbildung befindlichen Zöglinge wuchs stetig, sodass der Verein sich um den Nachwuchs keine Sorgen zu machen brauchte. Regelmäßige Vorspielnachmittage sorgten dafür, dass sich die Jungmusiker schon frühzeitig vor Publikum (Eltern und Großeltern sowie ihren Ausbildern) präsentieren konnten. Ab Oktober 2002 ergänzten zudem eine musikalische Krabbelgruppe und die musikalische Früherziehung, ab 2008 dann die Bongolinos (Trommelgruppe für die Kleinsten) unter der Leitung von Stephanie Volk das Ausbildungskonzept.1 Mehr als verdient hatte sich Joachim Volk das Verdienstkreuz der Confédérations International de Société Musical (CISM), das er am 25.11.2007 von Kultusminister Helmut Rau in feierlichem Rahmen erhielt.

1 Mit den Starter-Kids, den Musikanten-Mäusen, dem Blockflötenunterricht, dem regulären Instrumentalunterricht, den Bläserzwergen sowie den drei Orchestern zählte der Verein im Jahr 2004 141 aktive Musiker in fünf verschiedenen Orchestern und Ensembles. Dabei lag die Zahl der Jungmusiker (62 Kinder erlernten ein Instrument, 70 besuchten die Kurse der musikalischen Früherziehung, Vororchester 20, Jugendorchester 55) über derjenigen der Musiker im Hauptorchester (56).

Die Stadtkapelle mischt mit / Prägender Pfeiler des kulturellen Lebens in Lahr

Neben der – wie Reiner Michel es in der Hauptversammlung im Februar 2009 formulierte – „konsequenten musikalischen Weiterentwicklung und erfolgreichen Ausbildungskonzeption im Verein“, prägte die Stadtkapelle das kulturelle Leben in Lahr mit. Von 1981 bis 1989 veranstaltete der Verein im Juni ein großes Weinfestwochenende auf dem Schutterlindenberg. Seit 1983 spielte dort eine eigens aus den Reihen der Stadtkapelle gegründete Egerländer-Kapelle, die so genannten Schutterlindenberg-Musikanten1, auf. Nachdem das Weinfest aus Umweltschutzgründen zwischen den Lahrer Reben verboten wurde, organisierte Michel ab 1990 ein Maifest auf dem Marktplatz.

1 Der Name der Schutterlindenberg-Musikanten bestand allerdings schon seit den 70er Jahren. So heißt es 1974 in einem Bericht zur Weihnachtsfeier, „es spielten die Schutterlindenberg-Musikanten“ zur Unterhaltung und zum Ausklang.

Das Lichterfest wird kulturelle Großveranstaltung / von überregionaler Tragweite

Das Jubiläum mit seinem großen Festzeltwochenende führte dem damaligen Vorsitzenden vor Augen, dass die Zeit gekommen war, neue Wege zu gehen und andere Formate zu entwickeln: Michel, der noch die ersten Lichterfeste der Stadtkapelle aus den 50er Jahren kannte, knüpfte an diese Tradition der Sommernachtskonzerte im Lahrer Stadtpark an. Unter seiner Führung gelang es der Stadtkapelle das Lichterfest, das nach der Vereinskrise Ende der 60er Jahre von städtischer Seite organisiert wurde, wieder in Vereinshand zu bringen, es zu einer Veranstaltung von überregionaler Tragweite zu entwickeln und die Stadtkapelle auch wirtschaftlich auf gesunde Füße zu stellen. Seit 1997 findet es alle zwei Jahre am ersten Wochenende im Juli statt und lockt – je nach Wetterlage – zwischen 5000 und 8000 Besucher in den Lahrer Stadtpark. Im Rahmen der Verleihung der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg an Reiner Michel am 24. April 2007 lobte die erste Bürgermeisterin Brigitte Kaufman Michels Engagement für die Jugend und seinen unermüdlichen Einsatz für das Lahrer Lichterfest, das die Stadtkapelle zusammen mit der Stadt wieder zum Leben erweckt habe.

Konzerte und Auftritte in Lahr

Neben dem Lichterfest als kulturellen Großevent, zeigte die Stadtkapelle aber auch musikalisch immer wieder ihre Fähigkeit, neue Wege zu gehen. 2004 veranstaltete sie das letzte Frühjahrskonzert und bestreitet seither im Herbst ihr großes Jahreskonzert, die Chrysanthemengala, die in den Rahmen der städtischen „Chrysanthema“ eingebettet wurde. Egal ob Frühjahrssoirée mit anspruchsvollen Klängen, „Sommernacht im Schulhof“ mit Beiträgen aus dem Bereich Varieté und Kleinkunst (2006, 2008), die Ausrichtung der Sparkassen-Gala (2002, 2006, 2010) oder Kirchenkonzerte in der Weihnachtszeit – die Stadtkapelle zeigt im kulturellen Jahreskalender von Lahr ihre musikalische Bandbreite – und pflegt überdies weiterhin die Tradition des Musikaustauschs (mit dem Musikverein „Viktoria Altenmittlau“) sowie der Orchesterfahrten (u.a. 2019 nach Liverpool).

Das Weihnachtsprogramm der Stadtkapelle

Dabei nahm und nimmt die Weihnachtszeit seit jeher eine wichtige Rolle im musikalischen Jahr des Vereins ein. Seit den 70er Jahren ist es den Musiker*innen ein ganz besonderes Anliegen, am 24. Dezember an öffentlichen Plätzen und in sozialen Einrichtungen Weihnachtslieder zu spielen. Zum Weihnachtsprogramm der Kapelle zählen ein Auftritt auf dem Lahrer Weihnachtsmarkt, beim Gengenbacher Adventskalender, die Veranstaltung „Komm sing mit“ mit dem Gospelchor „Golden Harps“ und das Weihnachtskonzert im Europa-Park in Rust. Aus diesem langjährigen Engagement heraus entstand die Idee, eine Weihnachts-CD aufzunehmen: Im Juli 2007 erklangen „Stille Nacht“ oder „O du Fröhliche“ in der Konzerthalle Altes Scheffel; Lichterketten am Notenständer, Christstollen in der Kaffeepause und Glühwein am Ende eines Produktionstages sorgten für die notwendigen Rahmenbedingungen bei der Erstellung von „Klingende Weihnachten in Lahr“.

Noch heute wird die Tradition der Austausche und Orchesterfahrten gepflegt: Sei es mit dem Musikverein „Viktoria Altenmittlau“, mit dem im zweijährigen Turnus ein Austausch erfolgt, oder Fahrten wie die im Jahre 2019 nach Liverpool – immer wieder sucht die Stadtkapelle neue musikalische Aktivitäten und Anreize.

Wechsel an der Vereinsspitze

Im Frühjahr 2014 gab Joachim Volk in der Vorstandschaft bekannt, dass er 2015 sein Amt als Dirigent der Stadtkapelle niederlegen werde. Im Oktober 2014 wurde die Stelle ausgeschrieben. 10 Dirigenten bewarben sich auf die Stelle, die alle zu einem Gespräch mit der Vorstandschaft eingeladen wurden. Schließlich wurden 4 Bewerber zu einem Probedirigat eingeladen und im Januar 2015 wählte das Orchester Nicholas Reed zum neuen Dirigenten der Stadtkapelle. Volk verabschiedete sich am 25. April 2015 nach 38 Jahren mit der Abschiedsgala unter dem Titel „Ciao Joachim“ von „seiner“ Stadtkapelle. In diesem Konzert ernannte der Verein ihn zu ihrem zweiten Ehrendirigenten. Am 1. Mai übernahm Nicholas Reed die musikalische Leitung des Orchesters. Joachim Volk ist seit Mai 2015 aktiver Musiker im Orchester.

Ein Jahr später trat Reiner Michel in der Hauptversammlung am 25. Februar 2016 nach 31 Jahren als Vorsitzender der Stadtkapelle Lahr zurück. Auch dieser Schritt war in der Vorstandschaft schon lange bekannt und vorbereitet. Mit Christopher Büttner konnte ein junger Musiker der Stadtkapelle für dieses Amt gewonnen werden. Als Büttner im Jahr 2020 sein Amt aus beruflichen Gründen niederlegen musste, entschloss sich der Verein, seinem Vorstand eine neue Struktur zu geben.

Musikalischer Aufbruch in Zeiten des gesellschaftlichen Stillstands

Die seit 2007 bestehende Struktur mit einem Vorstandsvorsitzenden (Reiner Michel) und drei weiteren Vorständen für die Fachbereiche Musik (Joachim), Öffentlichkeitsarbeit (Michael Moser) und Finanzen (Uwe Michel), wurde weiterentwickelt zu einem Team von vier Vorsitzenden, die sich die Bereiche Musik (Michael Moser), Öffentlichkeitsarbeit (Marion Haid), Finanzen (Christiane Brucker) und Organisation (Ralph Held) aufteilen. In der außerordentlichen Hauptversammlung am 19. Juli 2021 wurde die Satzungsänderung auf den Weg gebracht und Ralph Held zum neuen Vorstand für Organisation gewählt.

So gelang es der Stadtkapelle eine neue Grundlage für viele weitere Jahre erfolgreicher musikalischer Tätigkeit und für ein reges Vereinsleben zu legen – und das in einer Zeit, in der Proben, Auftritte, Konzertreisen sowie das große 150- jährige Jubiläum durch die Corona-Pandemie verschoben werden mussten. Doch mit Online-Proben, Ensemblearbeit und Freiluftaktivitäten zeigten sich Nicholas Reed und die Musiker*innen der Stadtkapelle kreativ genug, um keine „musikalische Dürreperiode“ aufkommen zu lassen. Die Leidenschaft, mit denen die Musiker*innen bei ihrem ersten Konzert seit 1,5 Jahren am 11. Juli 2021 – in alter Tradition im Stadtpark – die Lahrer*innen begeisterten, dürfte nicht nur Paul Wäldchen, dem Initiator der Sommerkonzerte ein Lächeln ins Gesicht gezaubert haben. Sowohl die Musiker*innen als auch das Lahrer Publikum konnten voller Hoffnung auf ein blühendes, klingendes Jubiläumsjahr und viele weitere Jahre mit der Stadtkapelle den Heimweg antreten.

Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielet weiter!” William Shakespeare

Dirigenten der Stadtkapelle

  • Karl Berni (1871 bis 1904)
  • Franz Meier (1904 bis 1916)
  • Musikmeister Richard Hüttenrauch (1919 bis 1923)
  • Musikdirektor Richard Kleber (1925 bis 1934)
  • Musikdirektor Paul Wäldchen (1934 bis 1954)
  • Willi Pickavé (1954 bis 1955)
  • Obermusikmeister Arno Kuch (1955 bis 1968)
  • 1968 bis 1974 Dirigenten Alfred Steiert, Adolf Kremser, Udo Reinhard, Steiert, Kremser
  • Karl Müller (1974 bis 1977)
  • Musikdirektor Joachim Volk (1977 bis April 2015)
  • Musikdirektor Nicholas Reed (seit Mai 2015), seit Januar 2016 auch Dirigent des Jugendorchesters